Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe Oktober 2026

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25. September 2026

Gewesen: Ruhrtriennale – Blau in Gelsenkirchen

Angekündigt: NOW!-Festival in Essen – Hörfest in Detmold – Klangzeit in Münster – Soundlinks, Multiphonics und Orgelmixturen in Köln u.v.a.m.

 

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[Ruhrtriennale]

 

Für Freundinnen und Freunde neuer Musik, egal ob mit kleinem oder großem N und selbst bei großzügigster Auslegung des Begriffs, war die Intendanz von Ivo Van Hove, die mit dieser Saison zu Ende geht, die bislang unergiebigste in der Geschichte der Ruhrtriennale. Aus langjähriger Verbundenheit mit dem Festival und in der Hoffnung, vielleicht doch hier und da positiv überrascht zu werden, habe ich mir trotzdem einiges angeschaut bzw. angehört, worüber ich berichten möchte. Die Sparte Musiktheater hat Van Hove gleich selbst gekapert und dabei dreimal das gleiche Kochrezept verwendet: Man nehme die Songs einer berühmten Popgröße, konstruiere daraus eine Story, deren Inhalt nicht weiter wichtig ist, und bringe das Ganze mit Gesang und Tanz auf die Bühne. Die Hauptrolle besetze man mit einer aus Film und Fernsehen bekannten Person und schon ist der Erfolg vorprogrammiert. Während Sandra Hüller mit Songs von PJ Harvey im ersten Jahr noch einigermaßen die Kurve bekam (I Want Absolute Beauty), ging Lars Eidinger (ohne eigenes Verschulden da fehlbesetzt) mit Frank Sinatra (I Did It My Way) baden. Ob sich deshalb diesmal kein berühmtes Aushängeschild finden wollte, sei dahingestellt, es war auch nicht nötig, denn David Bowie, der diesjährige Songspender, ist Zugpferd genug. Van Hove kannte Bowie persönlich, brachte Lazarus, sein letztes Projekt, auf die Bühne und scheint somit für ein derartiges Vorhaben prädestiniert. Was Bowie neben seiner Musik interessant macht, ist seine Ambiguität, seine schillernde Doppelbödigkeit, sein virtuoses Spiel mit Rollen, Stilen und Geschlechtern. Da ist es schon eine Leistung, dass es Van Hove gelingt, unter dem Titel Rebel, Rebel eine Geschichte zu kreieren, die sich ohne nennenswerte Zwischentöne eines hundertmal erzählten ‚Romeo und Julia‘-Plots bedient und sich in einem Satz zusammenfassen lässt: In einem dystopischen, von einer gewaltbereiten Jugendband mit gutgebautem Anführer beherrschten Umfeld treffen Girl und Boy aufeinander, verlieben sich und stellen sich gegen den bösen Rest der Welt. Gleich zum Auftakt werden wir Zeuge eines sorgsam durchchoreographierten Gewaltausbruchs, bei dem zwischen rostigen Containern reichlich Kunstblut fließt. So stellt sich Fritzchen wahrscheinlich die South Bronx vor 50 Jahren vor. Die ganz großen Namen stehen diesmal nicht auf der Bühne, aber das erweist sich als Vorteil, denn die Mitwirkenden verstehen ihr Handwerk. Ari Notartomaso als Girl, Diego Rodriguez als Boy und Daniel Donskoy als Gang Leader sind mit viel Elan und sowohl stimmlicher als auch körperlicher Präsenz bei der Sache und bringen die Bühne gemeinsam mit der Tanzcrew zum Beben. Allerdings gehen die Choreographien kaum über das hinaus, was man sich in hunderten von mehr oder minder professionellen Youtube-Videos anschauen kann. Rebellisch ist hier nichts, aber es macht Spaß, mal wieder die alten Bowiesongs zu hören, und wer Lust auf ein schwungvolles Musical mit Nostalgietouch hat, wird gut bedient. Das Publikum war jedenfalls begeistert.

Einen besonderen Coup landete Van Hove mit Marina Abramovićs Produktion Balkan Erotic Epic, die mit anderen Festivals koproduziert in Duisburg ihre deutsche Erstaufführung erlebte. Wer im Berliner Gropiusbau die gleichnamige Ausstellung gesehen hatte, war bereits entsprechend eingestimmt: Abramović befasst sich mit ihrer persönlichen Geschichte und der Geschichte ihres Landes, dem ehemaligen Jugoslawien. Die strenge, linientreue Partisanenmutter Danica spielt eine Rolle, der große Führer Tito, den das Volk bei seinem Tod tränenreich betrauert, vor allem aber die oftmals seltsam anmutenden Riten und Traditionen des Balkans, bei denen man nicht genau weiß, was gut recherchiert und was noch besser erfunden ist. Übertragen in die unendlichen Weiten der Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark ergibt sich daraus ein Parcours aus 13 Stationen, die räumlich und akustisch nahtlos ineinander übergehen und zunächst, zumal wenn sie von der Zuschauermenge geflutet werden, für schiere Überforderung sorgen. Erst nach einiger Zeit finde ich mich zurecht, bleibe hier und da stehen und lasse das Ganze auf mich wirken. Man begegnet viel nackter Haut, Frauen, die schwungvoll die Röcke lüftend ihre Vulven gen Himmel strecken, um die Regengötter gewogen zu stimmen, andere, die auf einem Friedhof (in einer Kulisse wie in einer billigen Geisterbahn) ihre Brüste massieren und mit Skeletten tanzen; in einer Kafana, einer Bar im Balkan-Stil, kann Mutter Danica zu schmissigem Balkan Brass endlich mal ein bisschen aus sich rausgehen, während gegenüber Klageweiber Tito betrauern. Nach eigener Aussage will Abramović mit diesem Projekt „Poesie, Verzweiflung, Schmerz, Hoffnung und Leiden zeigen und unsere eigene Sterblichkeit reflektieren“. Doch genau darin steckt die Crux, denn reflektieren und sich überwältigen lassen passen nicht gut zusammen. Die Ambivalenzen, die sowohl im Programmheft als auch in der Ausstellung sehr viel deutlicher aufscheinen, drohen im theatralen Overkill auf der Strecke zu bleiben. Da ist Tito, der Held, Führer und Diktator, der ein Land im Chaos hinterlassen hat und trotzdem immer noch für Faszination und nostalgische Gefühle sorgt. Der Balkan wird als urwüchsig, Leben und Tod gleichermaßen zugewandt verkauft, ein Bild, das in gefährliche Nähe zu alten rassistischen Klischees vom potenten, abergläubischen Wilden gerät. Und was ist mit den Frauen? Was auf den ersten Blick sexpositiv und körperbejahend erscheint, reduziert sie letztlich doch wieder auf ihre Fruchtbarkeit. Die Kerle müssen ihren Mann stehen und die Frauen einen Mann abkriegen und gebären. Ein akribisch aufgetragenes Hochzeits-Make-up zeigt, wohin die Reise geht. Hinter der Maskerade wird die Frau stillgestellt. „Wird der weibliche Körper durch diesen Prozess verehrt oder erstickt?“, fragt berechtigterweise das Programmheft. Abramović ist all das natürlich absolut bewusst, aber in der Aufführung kommen diese Zwischentöne zu kurz. Am ehesten sorgt eine zwischen Riesenphalli platzierte weißbekittelte Wissenschaftlerin für ironische Akzente, wenn sie uns mit einem Bildvortrag in die volkstümlichen Riten einführt und in einem Nebensatz den potenten Balkanburschen, der gleich neben ihr vier (!) Stunden lang so tut, als würde er zu Fruchtbarkeitszwecken den giftgrünen Kunstrasen ficken, als Wuppertaler entlarvt. Als Zuschauer bleiben wir in Duisburg letztlich außen vor; auch wenn wir uns an der einen oder anderen Stelle berühren lassen, sorgt das Setting dafür, dass wir auf Abstand bleiben, wie Touristen in einem fremden Land, wie Voyeure, die sich mit Neugier und leichtem Schauer am Andersartigen ergötzen. Unterm Strich war die Berliner Ausstellung für mich nachhaltiger, weil sie mich nicht geschubst und überrollt, sondern mir Raum und Zeit gelassen hat.

Ungewohnte Töne versprach die Reihe Erased Music, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, bislang Verschollenes und Vernachlässigtes hörbar zu machen. Während im ersten Jahr Julius Eastman im Fokus stand, der von der Ruhrtriennale zwar nicht wiederentdeckt aber umfassend vorgestellt wurde und einen sehr eigenwilligen minimalistischen Stil pflegt, und im zweiten Jahr das Interesse Wendy Carlos galt, einer Pionierin der frühen Elektronik, stammten die Ausgrabungen in diesem Jahr aus früheren Zeitläuften. Zu Gehör kamen ein Stabat Mater für Chor a cappella des polnischen Komponisten Roman Padlewski, der 1944 mit 28 Jahren beim Warschauer Aufstand ums Leben kam, und La douloureuse passion du Christ op. 72 von Charles Tournemire, der vor allem als Organist Berühmtheit erlangte. Sein Stück basiert auf den Visionen der Mystikerin des Münsterlandes Anna Katharina Emmerick, die Clemens Brentano ihr ablauschte, ausschmückte und zu Papier brachte (immerhin etwa 16.000 Seiten) und die besonders bei der Schilderung der Passion Christi vor blutrünstigen Details nicht zurückschrecken. Tournemire verstarb, bevor das Werk zur Aufführung kam, so dass es jetzt in Bochum aus der Taufe gehoben wurde. Die Musik versenkt sich mit teils eigenwilliger Instrumentierung in das Passionsgeschehen und macht es erlebbar, ohne sich zu sehr im Pathos zu verlieren. Für Anhänger traditioneller Musik womöglich eine Entdeckung, für mich mit mehr als 70 Minuten doch etwas langatmig, auch wenn es immer schön ist, dem Chorwerk Ruhr unter seinem Dirigenten Florian Helgarth zuzuhören.

2024 hatte Chorwerk Ruhr Caroline Shaws Partita im Gepäck (s. Gazette Oktober 2024), ein Werk das in diesem Jahr in einem ganz anderen Kontext zu erleben war. Die belgische Regisseurin Lisaboa Houbrechts verwendet es in ihrer Auseinandersetzung mit Hesses Roman Siddhartha, den sie während eines längeren Aufenthaltes in Indien im Gepäck hatte, jedoch erst nach ihrer Rückkehr las. Besonders die Themen Selbstbefragung und Selbstannahme, die aufgrund ihrer eigenen Intersexualität bei Houbrechts stets auch um die Fluidität der Geschlechter kreisen, berührten sie. In ihrer Interpretation führt dies dazu, dass sie alle Rollen weiblich besetzt und das Werk eine ganz andere atmosphärische Färbung erhält. Meskerem Mees spielt die suchende Siddhartha auf schlichte, unprätentiöse Weise. Wie im Roman durchläuft sie verschiedene Stationen, weist ihr Brahmanenerbe zurück und findet weder in der Askese und den Lehren des Buddha noch im städtischen Treiben und der Liebesbeziehung zu Kamala Erfüllung. Sammy Van den Heuvel kreiert dafür in der Maschinenhalle Zweckel ein Bühnenbild, das viel Raum lässt und links in eine steile Treppenanlage (als Sinnbild des beschwerlicheren Weges des Buddhas) und rechts in einen Hang (als Sinnbild des leichtgängigen Stadtlebens) ausläuft. Gleich zum Auftakt flutet der Lettische Rundfunkchor in wallenden Gewändern die Bühne und erfüllt den Raum mit betörendem Gesang, wobei auch Shaws Partita zu Gehör kommt. Manchmal ist des Wohlklangs fast zu viel, man könnte das Stück, das auch experimentelle Ansätze wie Atmen, Hecheln und Sprechen integriert. zupackender interpretieren, aber das ist hier definitiv nicht intendiert. In der Liebesszene zwischen Siddhartha und Kamala wird sogar ein Abbasong angestimmt („Don′t go wasting your emotion. Lay all your love on me.“), der anfangs so behutsam und zart daherkommt, dass eine eigenwillige Mischung aus Vertrautheit und Befremden entsteht. Das Einbeziehen der Sufi-Sängerin Ustadma Zila Khan, des Sopranisten Samuel Mariño (einer Stimmlage noch höher als ein Countertenor), der indischen Tänzerin Shantala Shivalingappa und der Opernsängerin Claron McFadden, allesamt Meisterinnen ihres Faches, hätte eine Leistungsschau mit Ethno- und Esoteriktouch zur Folge haben können. Manchmal droht der Abend tatsächlich falsch abzubiegen oder sich festzufahren, aber dann entsteht ein Dazwischen, das nicht greifbar ist, ein Schwebezustand, der einen besonderen Sog entfaltet. Dies kulminiert in der Schlussszene mit dem Fährmann, der auf einer runden Plattform widerstandslos und wie von Zauberhand bewegt durch ein Nebelmeer gleitet. Sein Ziel, dem sich Siddhartha anschließt, ist nicht das Ankommen sondern das Im-Fluß-bleiben. Im Fluss, der viele Stimmen umfasst, der Offenheit und Wandlungsfähigkeit verheißt und sich eindeutiger Festschreibung verweigert. Da wäre das eindeutige Durchdeklinieren der Botschaft auf der Textebene gar nicht nötig gewesen, die Bilder sprechen für sich.

Zu einer Reise ganz anderer Art lud das Pariser Ensemble Les Apaches ein und öffnete den Vorhang! für Eric Satie und John Cage. Cage war von Satie fasziniert und bei aller Unterschiedlichkeit und zeitlichen Distanz gibt es zwischen den beiden einige Gemeinsamkeiten. Beide widersetzten sich den gängigen Erwartungen des Konzertbetriebs und pflegten intensive Kontakte zu anderen Szenen (vor allem Kunst und Tanz), sie verwendeten graphische Elemente in ihren Notationen und Alltagsgegenstände in ihrem Instrumentarium und kultivierten das Leise und Schlichte. Vor allem aber verbindet beide die Idee der Absichtslosigkeit, das Publikum sollte nicht länger mit den egomanischen Befindlichkeiten der Komponierenden geflutet werden sondern Luft bekommen zum Atmen und Hören. Bevor es soweit ist, geht es in der Duisburger Gebläsehalle jedoch äußerst chaotisch zu. Saties Skandalballett Parade nimmt neu orchestriert von Othman Louati mit viel Getöse und auftrumpfender Fröhlichkeit Fahrt auf und Sarah Silverblatt-Buser, die als Animateurin, Tänzerin und Musikerin an diesem Abend eine verbindende Rolle spielt, sorgt mit Konfetti und Popcorn fürs Publikum für Stimmung. Doch schon bald lichtet sich die Landschaft, Saties Vexations, die schon vor der eigentlichen Aufführung hörbar waren, schleichen sich mit ihrer unprätentiösen Unerbittlichkeit wiederholt ins Getriebe und spätestens mit den (ebenfalls neu instrumentierten) Gymnopédies entsteht ein traumwandlerischer, schwereloser Zustand, dem man sich nicht entziehen kann. Parallel dazu verwandelt sich die Bühne, das Arsenal an Perkussions- und Alltagsgeräten, schließlich das ganze Instrumentarium versinkt unter weißen Tüchern und die Musizierenden verschwinden nacheinander hinter einem Vorhang und kehren weiß gewandet zurück. Dadurch entsteht ein konzentriertes Hören, das Cages In a landscape und Saties Gnossienne Raum gibt und sich nur noch durch Cages stilles Stück 4‘33‘‘ steigern lässt. Doch wie bringt man ein Publikum, das nicht nur aus Eingeweihten besteht, dazu, 4 Minuten und 33 Sekunden stillzuhalten? Die Duisburger Lösung überzeugt nicht ganz. Um zu signalisieren, dass noch etwas im Schwange ist, positionieren sich die Mitwirkenden mit ihren Instrumenten stumm auf den Rängen neben dem Publikum, während der Dirigent Julien Masmondet bedeutungsvoll den Taktstock hebt. Damit kehrt jenes demonstrative Element zurück, das wir im Laufe des Abends längst hinter uns gelassen haben und das Cage gerade nicht gemeint hat.

Die neue Leitung der Ruhrtriennale steht bereits fest. Ab 1.11.26 übernimmt Lydia Steier als bislang jüngste Intendantin der Ruhrtriennale für drei Jahre das Ruder. Unsere Kulturministerin Ina Brandes bescheinigt ihr ein sehr gutes Gespür dafür, die Hochkultur mit Show und Spektakel zu einem berauschenden Erlebnis zu machen. Ich bin gespannt.

[Blau in Gelsenkirchen]

Frank Hilbrich, der neue Intendant am Musiktheater im Revier, hat seinen Einstand in Gelsenkirchen auf besondere Weise gefeiert: Ein ganzer Abend ist der Farbe Blau gewidmet, dem Blau der überdimensionalen Schwammreliefs von Yves Klein. Ihre Geschichte beginnt in den 1950ern, in denen parallel zu Wirtschaftswunder, Wiederbewaffnung und Naziverdrängung die BRD und insbesondere das Rheinland sich zum kulturellen Hotspot entwickelten. 1957 eröffnete Alfred Schmela seine legendäre Düsseldorfer Galerie mit einer Ausstellung von Yves Klein, Klein lernte die ZERO-Leute kennen (was durch die Heirat mit Rotraut Uecker sogar zu familiären Banden führte) und irgendwann muss er dabei auch dem Architekten Werner Ruhnau über den Weg gelaufen sein, der mit dem Entwurf für ein neues Musiktheater in Gelsenkirchen beschäftigt war. Ruhnau hatte Großes im Sinn und wollte Kunst nicht nur nachträglich in den Bau einfügen, sondern von Anfang an in die Planung integrieren. Zu Klein hatte er offenbar direkt einen Draht, zwischen den beiden sprühten die kreativen Funken und gemeinsam imaginierten sie ein ‚Theater der Leere‘, eine ‚Schule der Sensibilität‘, eine Luft- und Feuerarchitektur und vieles mehr. Das meiste blieb unrealisiert, scheiterte an technischen, finanziellen und bürokratischen Hürden und schließlich an Kleins frühem Tod 1962, aber bis heute steht am Kennedyplatz in Gelsenkirchen-Schalke das schönste Musiktheater nicht nur im Revier sondern weit darüber hinaus. Mit seiner großen Glasfront und den das Foyer beherrschenden tiefblauen Schwammreliefs von Yves Klein ist es ein einzigartiger Blickfang und auf jeden Fall eine Feier wert.
Gestaltet wird das utopische Musiktheater frei nach Yves Klein und Werner Ruhnau vom Kommando Himmelfahrt, eine genreübergreifend arbeitende Theatergruppe um den Komponisten Jan Dvořák und den Regisseur Thomas Fiedler, deren Name dem Vorhaben angemessen ist. Bereits auf dem Vorplatz wird der blaue Teppich ausgerollt und die Ankommenden mit Blasmusik, Kasperletheater und blauer Zuckerwatte begrüßt. Aber schon bald beginnt für uns der Ernst des Lebens, die Rektorin (Anke Sieloff) betritt das Podium und stimmt uns, teils deklamierend, teils mit satter Opernstimme, auf unsere Einschulung ein, denn auf uns wartet die ‚Schule der Sensibilität‘. Aufgeteilt in vier Klassenverbände machen wir uns auf den Weg und folgen unserem Lehrpersonal auf verwinkelten Wegen durch die Räume des MIR und die Visionen seiner Erbauer. Wir betreten das Mausoleum des Werner Ruhnau, der noch immer vor Ideen zu sprudeln und aus dem Sarg zu flüstern scheint, zu unserer eigenen Sicherheit festgezurrt (denn nichts ist gefährlicher als das Nichts) werden wir dem ‚Theater der Leere‘ ausgesetzt und zum zarten Tröpfeln einer Bassklarinette wohnen wir einem Judokampf in Zeitlupe bei, denn schon der Judoka Yves Klein kannte das Prinzip des Siegens durch Nachgeben. Alles geht räumlich und akustisch ineinander über, von irgendwo hört man immer wieder ein wonniges Wogen wie beim Rheingoldvorspiel, man könnte glatt die Orientierung verlieren, aber zum Glück weiß unser Klassenlehrer Yu, wo es lang geht. Er führt uns mit sicherer Hand und bringt gleichzeitig mit seiner warmen Baritonstimme Texte von Yves Klein zu Gehör. Nur bei der Lektion ‚Kooperation‘, als wir gemeinsam ein goldenes, rundes Tuch wie ein übergroßes Sprungtuch in heftige Wallung versetzen, greift er ein und gerät einen Moment lang aus der Fasson. Doch schon bald kehrt wieder Ruhe ein, auf blaue Kissen gebettet mit Kleins blauen Schwämmen über uns und gehüllt in geheimnisvolle Klänge können wir uns gedanklich von allem Irdischen lösen, bevor in der letzten Station die Levitation leibhaftig Gestalt annimmt: Zu den schwerelosen Tönen eines Vibraphons sehen wir in Ruhnaus den Treppenaufgang umfassenden Glaszylinder luftige Wesen tänzelnd aufwärts gleiten. Noch ganz benommen erreichen wir die Hauptbühne und erfahren zu unserer großen Erleichterung, dass wir alle bestanden haben. Die Abschlussfeier wird mit großem Orchester und menschlichen Pinseln zelebriert, aber keine Sorge, die Zeiten, da nackte Frauen vom männlichen Künstlergenius zu Malutensilien degradiert wurden, sind zum Glück vorbei und auch Kleins Symphonie Monoton – Silence (die aus einem einzigen zwanzigminütigen konsonanten Klang und anschließend gleichlanger Stille besteht) wollte man dem Publikum zur Feier des Tages nicht zumuten. Statt dessen erklingt eine konventioneller angelegte Kantate der anthropophagischen Ära, während weiße Leinwände weiß getüncht werden. Beim abschließenden Ball bleu ‚mit dem Schulpersonal im legendären Foyer des Musiktheaters mit prickelnden blauen Getränken‘ darf ausgelassen getanzt werden, aber trotz aller Feierlaune ob des gelungenen Abends und der bestandenen Prüfung kommt eine Spur Wehmut auf. Die damalige Aufbruchstimmung und Utopieseligkeit allen Widrigkeiten zum Trotz scheint uns heute weiter entfernt als die fernste Galaxie. Etwas davon möchte man gern in unsere dystopischen Zeiten retten.

[Termine im Oktober]

Köln

Vom 9. bis 18.10. findet das Festival Soundlinks statt, das sich als Event für kammermusikalisches Crossover versteht, bei dem die Gitarre das verbindende Element bildet. Mit dabei ist das Cologne Guitar Quartet, das am 10.10. im Alten Pfandhaus und am 16.10. in der Alten Feuerwache zu hören ist. Dies sind auch die Hauptspielorte des Multiphonics Festivals, das vom 21. bis 25.10. die Möglichkeiten der Klarinette und anderer Holzblasinstrumente auslotet.
In der Alten Feuerwache stehen im Oktober außerdem Veranstaltungen zum 50. Jubiläum des Internationalen Künstlergremiums am 9. und 10.10., das catinblack ensemble am 27.10. und das ensemble hand werk am 28.10. auf dem Programm. In der WDR-Reihe ‚Musik der Zeit‘ treffen am 9.10. die Musikfabrik und das WDR Sinfonieorchester aufeinander. Die Musikfabrik beteiligt sich außerdem am 3.10. mit dem Chaos Orchester am Tag der offenen Philharmonie, lädt ein zum Montagskonzert am 5.10. und startet am 24.10. die Zusammenarbeit mit der experimentellen DIY-Szene Kinshasas. In der Philharmonie stehen György Kurtágs Stele op. 33 am 4.10. und Michael Tippetts A Child of Our Time am 18.10. auf dem Programm.
In der Kunststation Sankt Peter erwarten uns neben den Lunchkonzerten (am 3., 10. und 31.10.) vom 14. bis 30.10. die Orgelmixturen. Unabhängig davon stellt der ehemalige Organist von Sankt Peter, Dominik Susteck, am 1.10. in der Kirche zum Heiligen Geist sein Buch Andersräume über Kölner Kirchen, Orgelklang und Stille vor und spielt am 18.10. in der Martin-Luther-Kirche in Porz seinen Orgelzyklus Zeichen.
In der Reihe 'ritual' erklingen am 1.10. im Stadtgarten György Kurtágs Kafka-Fragmente (am 29.10. auch in Bonn), parallel dazu kann man im Jaki dem Trio Herzog/Muche/Nillesen lauschen, die reiheM ist am 6.10. im Loft zu Gast, o-ton präsentiert am 10.10. Kunstlieder aus Lateinamerika und ebenfalls am 10.10. lädt die Galerie Lindemann zum nächsten gallery concert ein. Das E-Mex Ensemble begibt sich am 14.10. in der Uni Köln auf eine Klangreise zwischen Magie, Okkultismus und Metaphysik, in der Kirche St. Marien in Kalk kann man am 16.10. mit Kontrabass und Orgel ‚deep & deeper‘ sinken, ebenfalls am 16.10. erklingen in der Hochschule für Musik und Tanz Meisterwerke für Schlagzeug-Ensemble, die Reihe ‚soft rotation‘ ist am 28.10. im Konzertraum 674 fm zu Gast und die Plattform nicht dokumentierbarer Ereignisse kündigt neben den Soundtrips NRW am 27.10. für den 1., 5. und 23.10. Konzerte an.
Einblicke in die freie Szene bekommt man bei ON Cologne und Noies, der Zeitung für neue und experimentelle Musik in NRW, jeden 2. und 4. Dienstag im Monat sendet FUNKT ein Radioformat mit Elektronik und Klangkunst aus Köln, jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat bespielt die Reihe Bruitkasten den Ebertplatz und jeden letzten Mittwoch im Monat findet die Soirée Sonique im LTK4 statt. Fast täglich gibt es interessante Konzerte im Loft und weitere Termine und Infos finden sich bei kgnm, Musik in Köln und impakt sowie Veranstaltungen mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt Köln.

Ruhrgebiet

Hans Werner Henzes 100. Geburtstag wird mit der Veranstaltungsreihe Henze100 gefeiert, die mit einem Konzert in Bottrop am 11.10. (vormittags öffentliche Generalprobe), einer Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann am 16.10. in Recklinghausen und einem Konzert am 23.10. in Gelsenkirchen fortgesetzt wird.

Das auf Live-Musik zu Stummfilmen spezialisierte Ensemble Interzone Perceptible ist im Oktober mit Nosferatu in Gladbeck, Duisburg und Bochum zu erleben.

Die Bochumer Melanchthonkirche zelebriert mit einer Hommage à Morton Feldman zum 100. Geburtsjahr am 10.10. die Ekstase des Augenblicks.

In Dortmund experimentiert das mex am 1. und 10.10. mit kollektiver Elektronik und im Konzerthaus erklingt am 2.10. Ligetis Concert Românesc. In der parzelle sind am 3.10. das FDF Trio, am 22.10. Jaap Blonk und Terry Ex und am 28.10. die Soundtrips NRW zu Gast und The Dorf feiert am 15.10. im domicil das Umlandfestival.

Am 16.10. ist The Dorf auch im Duisburger Steinbruch zu erleben und im Lokal Harmonie erwarten uns am 1.10. neue Musik-Theater-Szenarien, die am 3.10. und 4.10. im Garten der Erinnerung fortgesetzt werden.

Die Reihe ‚stromspiesser‘ ist am 11.10. zu Gast bei PACT Zollverein in Essen, das E-Mex Ensemble bringt am 17.10. Zeit, Meditation und Transzendenz in die Essener Marktkirche, im Rabbit Hole Theater stehen ein Abend von und mit Sara Camatta und Emily Wittbrodt am 1.10., das Schweizer Duo UMS’nJIP am 2., 3. und 4.10. (u.a. mit einem Kafka-Liederabend), Collaborative Ambient Jazz Improvisation am 17.10., das Trio Volkmann/Boer/Camatta am 25.10. und die Soundtrips NRW am 26.10. auf dem Programm und am 22. und 23.10. führt uns das Part-Ensemble in der Kreuzeskirche bei freiem Eintritt himmelwärts. Ebenfalls am 22.10. kann man sich in der Philharmonie auf das NOW!-Festival einstimmen lassen, das bis zum 7.11. unter dem Motto Transzendenz steht. Am 24.10. ist NOW! in der Neue Musik Zentrale vor Ort (u.a. mit dem catinblack ensemble) und am letzten Oktoberwochenende beginnt der Konzertreigen mit Stockhausens Inori am 30.10., dem BenMo Trio am 31.10. und dem Studio Musikfabrik ebenfalls am 31.10. Die Neue Musik Zentrale verwandelt sich vom 1. bis 3.10. in einen immersiven Raum und begrüßt am 16.10. in der Reihe Treff15 Dylan Kerr.

Am 2.10. führt das Part-Ensemble in der Petrikirch in Mülheim an der Ruhr in den Schlagzeug-Kosmos ein und das Makroscope veranstaltet am 9.10. und 10.10. die Mulheimer Zongtage.

Düsseldorf

Bis zum 3.11. findet wieder das Internationale Düsseldorfer Orgelfestival IDO statt, das unter der Rubrik Modern aber auch bei anderer Gelegenheit (z.B. am 13.10. mit einem Ungarn-Schwerpunkt) zeitgenössische Klänge bietet. Die Robert Schumann Hochschule präsentiert am 10.10. Ausstellung, Performances und Konzerte von Studierenden und Ehemaligen des Masterstudiengangs ‚Klang und Realität‘, die Künstlerinitiative Dafne ist am 24. und 25.10. im Kulturbahnhof Eller mit dem Live-Hörspiel Stimmen - in Memoriam of a dear friend zu Gast, im FFT erwartet uns am 28.10. die achte Ausgabe des Recorded-Sound-Festivals mit dem Themenschwerpunkt Acceleration und das Part-Ensemble setzt seine Reihe Refugium am 29.10. im Polnischen Institut Düsseldorf fort.
Im Subsol, dem Raum für creative Extravaganzen, kann man regelmäßig experimentelle improvisierte Musik erleben. Die nächste Chance bietet sich am 2.10.

Sonstiges

Im Rahmen der Reihe Soundtrips NRW treffen vom 23.10. bis 3.11. Tom Malmendier und Emilie Škrijelj in Bonn, Bielefeld, Gelsenkirchen, Essen, Köln, Dortmund, Wuppertal, Bochum, Oberhausen, Münster und Düsseldorf auf wechselnde Gäste.

In der Aachener Raststätte kommt am 7.10. Synthesizer Jam zu Gehör und die Gesellschaft für zeitgenössische Musik präsentiert die Reihe ‚Hören und Sprechen über Neue Musik‘ am 2.10., Kammermusik am 11.10. sowie aktuellen Jazz am 1.10., 15.10. und 17.10.

In der Bielefelder Zionskirche erklingt immer sonntags um 17 Uhr Musik – am 25.10. mit einem Schwerpunkt Neue Musik.

Im Bonner Dialograum Kreuzung an Sankt Helena präsentiert die In Situ Art Society Elliott Sharp am 7.10., die Post-Minimal Band La Limina mit der Nemesis Suite am 15.10. und die Soundtrips NRW am 23.10. Das Theater Bonn kündigt für den 29.10. György Kurtágs Kafka-Fragmente als szenisches Konzert an.

Vom 2. bis 4.10. findet in Detmold das diesjährige Hörfest statt, bei dem unter anderem das Minguet-Quartett und das Ensemble Horizonte mitwirken.

In Mönchengladbach trifft das Ensemble Horizonte am 11.10. in einem Werkstattkonzert auf das ART Ensemble NRW und im Museum Abteiberg findet am 15.10. das Klangcafé mit Steffi Baron-Neuhuber and Esther Rosiny-Wieland statt.

Die Moerser Improviserin in Residence Evi Filippou lädt ein zu Listening Sessions am 16. und 28.10. und Konzerten am 11. und 29.10.

Die Gesellschaft für Neue Musik Münster veranstaltet vom 8. bis 11.10. das Klangzeit Festival mit Konzerten, Workshops, Lesungen und Klanginstallationen. Mit dabei sind das Nadar Ensemble, das ensemble consord, The Dorf und viele andere. Jan Klare von The Dorf sorgt übrigens auch bei dem Theaterprojekt Leb hin! Leb hin! zu Büchners Lenz am 3.10. und 4.10. im Pumpenhaus für die Live-Musik und das Kulturcafé Yolk präsentiert am 1. und 10.10. 'concerts of new noise and densities‘. In der Black Box steht am 4.10., 24.10. und 28.10. aktueller Jazz auf dem Programm.

Das Erzbistum Paderborn lädt Komponist:innen, Organist:innen und Kurator:innen im Rahmen der Netzwerktage Neue Musik am 19. und 20.10. zu Austausch, Improvisation und künstlerischer Praxis ein – mit Konzerten in der Kapuzinerkirche und Raum für neue Kooperationen.

Studierende des Musikinstituts der Universität Siegen präsentieren am 29.10. unter dem Motto stahlklang Filme zum Thema Industrie und Musik.

Mit der Reihe Solips veranstaltet Fabian Neubauer in einer Wuppertaler Fabrik regelmäßig Konzerte – als nächstes am 9. und 23.10. Im ort stehen neue Kammermusik am 10.10., ein Nachmittag mit Jazzplatten am 18.10., die neue Reihe dam*n am 20.10., die Reihe Off-Grid u.a. mit dem Stimmkünstler Jaap Blonk am 24.10. und die Soundtrips NRW am 29.10. auf dem Programm. Im Ableger der Kölner Hochschule für Musik und Tanz spielt Bernardo Cruz am 10.10. Musik für Solo-Percussion und in der Historischen Stadthalle kommt am 31.10. ein neues Werk von Nicolai Dembowski zur Uraufführung.

Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.

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