ZUR GESCHICHTE DES TEEWEGES

Wir müssen zwar nicht unbedingt bei Adam und Eva anfangen, doch immerhin mit den alten Chinesen. Denn das Tee-Trinken beginnt im China der Tang-Zeit (618-906). Damals trank man einen zu Ziegeln gepreßten Tee, der mit Salz und allerlei Gewürzen regelrecht gekocht wurde (und abscheulich geschmeckt haben muß). Eine Etappe weiter, während der Song-Dynastie (960-1279), setzte sich der pulverisierte Tee durch (ein Grüntee, versteht sich, aus den getrockneten und vor Gebrauch fein zerriebenen Blättern des Teestrauchs), bei dem das Teepulver in einer weit offenen Schale mit heißem Wasser übergossen und mit einem Bambus-Besen schaumig geschlagen wurde – genau wie es auch heute noch bei der Teezeremonie geschieht.

Bereits in der Tang-Zeit hatte das Tee-Trinken vor allem in den Klöstern des chinesischen Chan-Buddhismus Eingang in den Alltag gefunden. Und zwar war es der bedeutende Chan-Meister Bai-zhang Huai-hai (749-814), der als erster genaue Vorschriften für das klösterliche Leben der Mönche formuliert und dabei auch das Tee-Trinken in seine Kloster-Regeln mit aufgenommen hat.

Etwa zur gleichen Zeit hat ein japanischer Mönch namens Eichû nach einem zehnjährigen Aufenthalt in China (770-780) die Sitte des Tee-Trinkens in seine Heimat mit zurückgebracht. Wenig später waren es wiederum Mönche, nämlich Saichô, der Begründer des japanischen Tendai-Buddhismus (767-822), und Kukai, der Vater der Shingon-Schule (774-835), die darüber hinaus auch Setzlinge des Teestrauchs aus China nach Japan eingeführt und dort angepflanzt haben. Eine zeitgenössische Chronik berichtet für das Jahr 815, daß besagter Eichû, inzwischen hochbetagter Abt eines Klosters, dem damaligen Tennô eigenhändig Tee zubereitet habe, mit der Folge, daß eben dieser Tennô alsbald den Befehl erließ, in allen Teilen des Reiches Tee anzubauen.

Gegen Ende des 9. Jahrhunderts brachen – aus welchen Gründen auch immer – die kulturellen Beziehungen zwischen Japan und China ab; die Vorliebe der japanischen Adelsschichten für alles Chinesische und damit auch ihr Interesse am Teegenuß erlosch. So bedurfte es in der Kamakura-Zeit (1192-1333) eines ganz neuen Anlaufs, um das Tee-Trinken wieder aufleben zu lassen. Abermals gebührt das Verdienst einem Mönch. (Aber warum nur immer die Mönche? Ganz einfach: weil keine Gruppe innerhalb der japanischen Gesellschaft so viel Zeit und so gewichtigen Grund hatte wie die Mönche, sich ausführlich in China umzusehen und zugleich auch ausbilden zu lassen.) Diesmal war es der Mönch Eisai (1141-1215), der nicht nur den Chan-Buddhismus des ‚Hauses Lin-ji‘ nach Japan gebracht hat und damit zum eigentlichen Begründer des japanischen Zen-Buddhismus und zugleich des bis heute lebendigen Rinzai-Zen geworden ist (‚Rinzai‘ ist die japanische Version des chinesischen Namens ‚Lin-ji‘, und das war die vielleicht einflußreichste und wirkungsmächtigste Gestalt der gesamten Chan-Bewegung). Nein, Eisai hat außerdem – und das sichert ihm einen herausragenden Platz in der Vorgeschichte der Teezeremonie – aus dem Song-zeitlichen China den schaumig geschlagenen Pulvertee nach Japan eingeführt und damit den Grundstein für die gesamte spätere Entwicklung des ‚Cha no yu‘ gelegt. Daß Eisai auch noch, ebenfalls zum zweiten Mal, Setzlinge des Teestrauchs nach Japan überführt und nicht nur in eigener Regie angepflanzt, sondern auch an Myôe, den Erneuerer des Kegon-Buddhismus in Japan (1173-1232), weitergegeben hat, der später zum berühmtesten Tee-Kultivierer Japans aufsteigen sollte, sei hier nur am Rande erwähnt. Wichtiger in unserem Zusammenhang ist zweifellos, daß Eisai mit seinem ‚Bericht über das Tee-Trinken und die Erhaltung des Lebens‘, dem ersten Tee-Klassiker der japanischen Literatur, zugleich auch den spirituellen Aspekt der späteren Teezeremonie vorbereitet hat.

Gegen Ende der Kamakura-Ära hat auch der große Zen-Lehrer Dôgen (1200-1253), ursprünglich ein Schüler Eisais, in China jedoch unter einem Meister der ‚Cao-dong‘-Schule zur vollen spirituellen Reife gelangt, für die Mönche des von ihm begründeten und ebenfalls heute noch lebendigen Sôtô-Zen die chinesische Sitte des täglichen Tee-Trinkens übernommen. Bei der Formulierung der einschlägigen Vorschriften für sein Eiheiji-Kloster hat er dabei auch auf die Tee-Regeln des bereits erwähnten Bai-zhang Huai-hai zurückgegriffen. Nebenher verdient es Erwähnung, daß Dôgen sich bei seinem China-Aufenthalt von einem Töpfer hat begleiten lassen, der nach seiner Rückkehr ein Töpfer-Zentrum aufgebaut hat und damit zum Begründer der japanischen Tee-Keramik geworden ist. (Daß es zu deren Vollendung Jahrhunderte später noch ganz anderer Anregungen, unter anderem solcher aus der Töpferkunst Koreas, bedurft hat, steht auf einem anderen Blatt und wird später noch einmal aufgegriffen.)

Unter dem Einfluß Eisais und Dôgens bildete sich in der Folgezeit in den Zen-Klöstern Japans eine regelrechte Teezeremonie heraus, ‚Sarei‘ genannt. Noch heute heißt in den Rinzai-Tempeln das streng ritualisierte Tee-Trinken, bei dem die Mönche mehrmals täglich gemeinsam mit je vier Schlucken (‚Harmonie‘, ‚Ehrfurcht‘, ‚Reinheit‘ und ‚Stille‘) eine kleine Portion Tee zu sich nehmen, gerade so: ‚Sarei‘. (Wie es damit in den Sôtô-Tempeln steht, ist dem Verfasser nicht bekannt.) Selbstverständlich haben die nachfolgenden Zen-Meister das Tee-Ritual – nichts anderes bedeutet nämlich das Wort ‚Sarei‘ – weiter verfeinert, bis ihm schließlich Musô Kokushi, der ‚Lehrer des Reiches‘ (1275-1351), als Abt des Daitokuji in Kyôto seine endgültige Gestalt gegeben hat. Das Daitokuji, der ‚Tempel der Großen Tugend‘, entwickelte sich alsbald zu einem bedeutenden Zentrum der japanischen Kultur, wobei zumal die Teezeremonie stets eine herausragende Rolle gespielt hat. So nimmt es nicht Wunder, daß später große Meister des Tee-Weges wie Sen no Rikyû und Kobori Enshû gerade hier eine weithin ausstrahlende Wirkungsstätte gefunden haben.

Daneben gab es in der Klasse der Samurai, des Schwertadels, sowie der bürgerlichen Schicht wohlhabender Kaufleute aufwendige Tee-Gesellschaften, bei denen sich die Gäste mit sog. Tee-Wettspielen unterhielten (es galt, unter der Vielzahl der dargebotenen Tees den ‚honcha‘, den ‚Wahren Tee‘ aus den von Myôe angelegten Tee-Plantagen zu erkennen). Zum anderen stellten die Gastgeber bei solchen Gelegenheiten gern ihren Reichtum zur Schau, besser gesagt, zur staunenden Bewunderung durch die Gäste, vorzugsweise kostbarste Vasen und Bilder aus dem Tang-zeitlichen China.