Herbsttag

(c) 2009 ELGe N.

Auf- oder Untergang?
Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
Und greife scheu nach seiner Rosen Röte-
Und ahne eine Angst in seiner Flöte
Von jedem Wehen
Vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
In meinen Armen schlafen Wälder ein,-
Und ich bin selbst das klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

Rainer Maria Rilke

(c) 2006
Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiel den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blüten treiben.
Rainer Maria Rilke