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Ulrich Leive als Bibelmaler
Ein Beitrag von Manfred Melles


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Ulrich Leive als Bibelmaler
Methusalem © Ulrich Leive
Nimrod © Ulrich Leive
Turmbau zu Babel © Ulrich Leive
Opferung Isaaks © Ulrich Leive
Jakobs Kampf mit dem Engel © Ulrich Leive
Bileam © Ulrich Leive
Posaunen von Jericho © Ulrich Leive
Herrlichkeit des Herrn © Ulrich Leive

    Die ersten Bilder zur Bibel sind in einer relativ frühen Schaffensperiode des Künstlers entstanden; sie sind stilistisch noch nicht ganz einheitlich, es zeigen sich aber schon bestimmte Gestaltungsformen, wie sie später immer wieder verwendet werden und den unverwechselbaren Stil und damit die Identität und Originalität des Malers sichern. Anfänglich wurden nur einzelne Themen bearbeitet, es war mehr nur eine Ahnung als ein konkreter Plan, dass weitere Motive sich aufdrängen würden und gemalt werden wollten. Welche Themen würden auf sich aufmerksam machen können? Damit war nicht das Interesse eines beliebigen Betrachters gemeint, wobei es eher zweifelhaft war, dass er sich heutzutage überhaupt noch für Bibelmalerei zu begeistern vermöchte, es ging nicht darum, vorausschauend abzuschätzen und zu mutmaßen, womit man Erfolg haben könnte, nein, gemeint war, welche Idee innerlich so viel Druck auf den Künstler ausüben konnte, dass er sie schöpferisch ins Sichtbare verwandeln musste, als gäbe es so etwas wie einen Zwang, das zu tun, eine Art Verpflichtung, einen beinahe übernatürlichen Auftrag.
    Ohne es zu wollen, war der Maler Ulrich Leive der Gefangene einer vielfach längst verworfenen Sicht des Künstlers als Berufener, als Medium, als Vollstrecker einer persönlich oder unpersönlich gedachten schöpferischen Kraft geworden, und in dem Maße, wie er diese Rolle akzeptierte, nahm allmählich auch die eigentlich überheblich-stolze Idee Gestalt an, nicht mehr nur einzelne Themen und Motive aus der Bibel zu malen, wie es vor ihm schon zahllose andere Maler getan hatten, sondern die ganze Bibel von der Genesis bis zur Offenbarung in Bilder zu verwandeln. Etwas spöttisch wurde schon behauptet, nur ein Deutscher mit den ehemals sogenannnten deutschen Tugenden könne eine solche Arbeit leisten, und Ulrich Leive hat sie vollbracht.
    Zunächst hat er mehrfach die ganze Bibel gelesen, sich dabei Notizen gemacht, Skizzen angefertigt, eine Themenliste von über 750 Titeln erstellt, Vorarbeiten geleistet, die einen eher an Bürokratie als an Kunst denken lassen, es sei denn, solch ein Riesenentwurf würde bereits als Konzeptkunst gewürdigt, auch wenn es nicht mehr zu einer bildlich-darstellenden Aussage gekommen wäre. Aber Ulrich Leive beschränkte sich nicht darauf, das bloße Konzept als Bildwerk, als sichtbar gemachten geistigen Vorgang zu präsentieren. Er blieb nicht nur ein Träumer, der große Pläne macht, der sich in nutzlose oder nicht umsetzbare Projekte verliert, er hat nach den Entwürfen die Bilder in dieser Unmenge und oft in vielen Varianten (im Extrem bis zu 153, wenn man an die zweite Serie vom Antlitz Christi denkt) innerhalb von 12 Jahren, zumeist relativ abgeschirmt und in eher bescheidenen Verhältnissen lebend, auch wirklich gemalt. Mit Recht beansprucht das Ergebnis für sich die Bezeichnung Leive-Bibel, gelegentlich sogar durchaus unbescheiden die monumentale Leive-Bibel genannt, was mancher für eine Anmaßung hält, wenn er nicht erkennt, mit welch einmaliger Leistung wir es hier zu tun haben. Es gibt wohl niemanden in der gesamten Kunstgeschichte, der so viele Bilder zur Bibel gemalt hat wie Ulrich Leive, und es ist schwer vorstellbar, dass es jemals jemanden geben wird. Allein die Zyklen zu allen 150 Psalmen und zu einzelnen Inhalten wie den Legenden um David und Josef sind gewaltig, ganz zu schweigen von den eigenwilligen über 1.000 Engelbildern. Zählt man alle Varianten und Nebenwerke mit, kommt man auf eine Gesamtzahl von weit über 3.500 Bildern.
    Nun bestimmt die Anzahl von Bildern nicht ihre künstlerische Qualität, aber auch in dieser Hinsicht nehmen Leives Bilder einen besonderen Rang ein, weil sie im eigentlichen Wortsinn unvergleichlich sind, ein Leive-Bild ist ein Leive-Bild, es ahmt nicht andere Bilder und Kunstströmungen nach, es bringt also gleichsam die Kriterien für seine Beurteilungen selbst mit. Es wäre völlig widersinnig und ziemlich laienhaft, ihn nach fremden Kriterien beurteilen zu wollen.
    Natürlich kann Leive, zumal er selbst nicht akademisch ausgebildet ist, nicht malen wie Tizian oder Raffael, aber selbst wenn er es könnte, er müsste heute von solch einem Können absehen, um in seiner eigenen Bildsprache zu reden. Es ist nicht mehr die Zeit dafür, sich handwerklich perfekt malend und die Außenwelt naturgetreu abbildend in Erhabenheit und Demut der Bibel unterzuordnen, man kann sogar den Verdacht hegen, Ulrich Leive sei gar kein gläubiger Mensch in einem herkömmlichen Sinne, schon gar nicht ein bloßer Gehilfe von Predigern und Theologen. Wenn noch die Scholastiker den Anspruch erhoben, die Philosophie solle nichts als die Magd der Theologie sein und demnach die Malerei als nicht einmal zu den freien Künsten gehörend erst recht, so ist die Bibelmalerei von Ulrich Leive ganz gewiss nicht die Magd der Theologie, so frei und unbekümmert, wie die Bilder daherkommen, nicht selten auch irritierend und anstößig, aber indem sie anstoßen, brechen sie beiläufig Verkrustungen auf, befreien sie von altem Staub und ermöglichen sie neue Sichtweisen und einen frischen Zugang zu den Texten, ohne sich im Anekdotischen oder Erzählerischen zu erschöpfen, denn auf solche Bildinhalte allein sollte man sie nicht reduzieren.
    Wer behauptet, man könne heute keine Bilder mehr malen, schon gar nicht Bilder zur Bibel, dem sollte man entgegnen: Doch, man kann das, Ulrich Leive hat es bewiesen!


© Manfred Melles

Verkünidung an die Hirten © Ulrich Leive
Flucht nach Ägypten © Ulrich Leive
Versuchung Jesu © Ulrich Leive
Die stürmische Überfahrt © Ulrich Leive
Verklärung Jesu © Ulrich Leive
Der barmherzige Samariter © Ulrich Leive
Emmaus © Ulrich Leive
Wiederkehr Christi © Ulrich Leive




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