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Dragan  J. Ristic
Haiku
in Serbien und Montenegro
           
Die Geschichte der Haiku-Dichtung in Serbien hat eine interessante hundertjährige Tradition. Dieses Genre hat sich nicht kontinuierlich entwickelt, sondern trat erst in den letzten Jahrzehnten in Erscheinung.
            Die erste Erwähnung “Uta” -“Haikai” stammt aus dem 19. Jahrhundert. Im November 1895 veröffentlicht die Zeitschrift “BRANKOVO KOLO” aus Sremski Karlovci den Artikel “Japanische Dichtung”, eine Übersetzung aus dem Literaturanhang der französischen  Zeitung “Figaro”. Der Autor war Motoyozo Sezo und der Übersetzer ins Serbische noch unbekannt (S.M.).
        Die erste Übersetzung japanischer Haiku ins Serbische erfolgte erst im Jahre 1927. Der bekannte serbische Schriftsteller Milos Crnjanski (1893-1977), der in dieser Zeit in Paris lebte, übersetzte die bekanntesten japanischen Haiku-Dichter (aus dem Französischen, Englischen und Deutschen) und veröffentlichte seine Übertragungen zuerst in der Literaturzeitschrift “Letopis matice srpske” (Novi Sad, 1927) und danach im Buch “Gedichte aus dem alten Japan” (Beograd, 1928). Abgesehen von einem Artikel in der Literaturzeitschrift “Srpski knjizevni glasnik” (Beograd, 1928) von der bekannten serbischen Schriftstellerin Isidora Sekulic, in dem sie ihre eigene Begeisterung für Haiku zum Ausdruck brachte, gab es leider keine größere Resonanz in Serbien und Jugoslawien. Das geschah erst dreißig Jahre später.
        In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts beginnt man mit dem Haiku-Schreiben- selten und noch ungeschickt. Im Jahre 1956 hält in Beograd Milutin Velimirovic Vorträge über Haiku und veröffentlicht das Buch “Über japanische Dichtung”. In dieser Zeit entsteht auch das erste Haiku-Buch “Die Jahreszeiten” von Milan Tokin (1909-1962). Dieses Buch wurde in seinem Nachlass gefunden und wurde aber bisher nicht wiederaufgelegt.
        Im Jahre 1975 erscheint ein sehr wichtiges Buch, das jahrelang als ABC-Buch der Haiku-Dichtung in der jugoslawischen Haiku-Szene galt: Vladimir Devide aus Zagreb (heute Kroatien), bekannter Mathematiker und Akademiker veröffentlichte das Buch “Japanische Haiku Dichtung und ihr kulturhistorischer Rahmen”. Vladimir Devide hat außerdem über 150 Essays geschrieben und 220 Vorträge über Haiku gehalten.
        Das erste gedruckte serbische Haiku-Buch ist das Buch “Haiku” (1975) von Aleksandar Nejgebauer (1930-1989). Der Professor für englischen Literatur, Übersetzer und Literaturkritiker aus Novi Sad ist auch der erste Autor dessen Essay (“Metapher in Haiku”) im Ausland veröffentlicht wurde (“Frogpond” USA, Mai 1980).
       Die erste Haiku-Zeitschrift auf serbokroatisch war “Haiku” aus Varazdin (heute Kroatien). Die Zeitschrift erschien von 1977 bis 1981 und publizierte alle Autoren aus den heute südslawischen Ländern. Das war das zweite wichtige Ereignis im Südosteuropa nach der ersten übersetzten Anthologie japanischer Haiku von Milos Crnjanski (1928).
      Die erste serbische Haiku-Zeitschrift ist “Paun” (“Pfau”) aus Pozega (Westserbien, Herausgeber Milijan Despotovic), die seit 1988 noch immer sporadisch erscheint.
     Die neunziger Jahre sind die Jahre eines großen Aufschwungs der Haiku-Dichtung in Serbien und Montenegro, trotz schwerer politischer und ökonomischer Lage, UNO-Embargo, politischer Diktatur…
Viele Haiku-Clubs wurden gegründet: in Nis, in Novi Sad, in Beograd, in Kraljevo, in Prokuplje usw.
Viele kleinere Haiku-Zeitschriften wurden herausgegeben, deren Erscheinen aber auch bald wieder eingestellt wurde:
 
LISTAK – LEAFLET (Novi Sad , 1993 – 2002, 46 Ausgaben)
LEPTIR (“Schmetterling”, Kula, 1993, nur 2 Ausgaben)
HAIKU PISMO (“Haiku Brief”, Novi Sad 1995 – 2000, 41 Ausgaben)
HAIKU MOMENT (Novi sad, 1997 – 2002, 6 Ausgaben)
HAIKU INFORMATOR (Novi Sad, 1997 – 2003, 25 Ausgaben)
LOTOS (Valjevo, 1998 – 2002, 8 Ausgaben)
HAIKU OGLEDALO  (“Haiku Spiegel”, Novi Sad, 2000 – 2002, 16 Ausgaben)
MASLACAK (“Löwenzahn”, Nis, 2000 – 2004, 39 Ausgaben)
VESNIK (Beograd, 2000 bis heute, 11 Ausgaben)
OSVIT (“Morgenröte”, Beograd, 2001 bis heute 4 Ausgaben)
HAIKU MOMENT INFO (Novi Sad, 2002 – 2004, 4 Ausgaben)
SKOLJKA – THE SHELL (Muschel), die erste montenegrinische Haiku Zeitschrift, Podgorica, 2002, eine Ausgabe)
LJUBICICA (“Veilchen”, Uzice, 2003, eine Ausgabe)
 
Seit 1993 erscheint kontinuierlich auch die  internationale Haiku-Zeitschrift HAIKU NOVINE (“Haiku Zeitung”) in Nis (Südostserbien). Gründer und Chefredakteur war Dimitar Anakiev, seit 1996 ist Dragan J. Ristic Chefredakteur der Zeitschrift.  In den 19 Ausgaben wurde unter anderem auch die Übersicht über alle Haiku-Bücher, Haiku-Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, die in Jugoslawien  Serbien und Montenegro) bis heute erschienen sind.
     Die Internet Haiku-Zeitschrift THE RAINBOW PETAL wurde (von 1997 bis 1999) von Vid Vukasovic herausgegeben, danach erschien seit 2003 das Magazin HAIKU STVARNOST (“Haiku Wirklichkeit”) von Saca Vazic.
     Wie populär Haiku in Serbien ist, sah man auch während der Bombardierung Serbiens (März bis Juni 1999). Sogar in dieser schweren Zeit hat man nicht aufgehört, Haiku zu schreiben. Durch Internet verbunden, haben die Haiku Dichter ihre Anti-Kriegshaiku an Dmitar Anakiev in Slowenien geschickt und so entstand (in Prag, Mai 1999) die Anthologie PARCE NEBA (Kousek nebe, A Piece of the Sky)- “Haiku aus dem Schutzkeller” (auf Serbisch, Tschechisch und Englisch). Über die zerstörten Donaubrücken wurde auch eine Anthologie , von Nebojsa Simin herausgegeben (“Das dritte Ufer”, Novi Sad, 2000), auch auf Englisch, Französisch und Deutsch).
      Die erste gesamtjugoslawische Haiku-Anthologie hat Milijan Despotovic aus Pozega (Westserbien) im Jahre 1991 zusammengestellt herausgegeben: GRANA KOJA MASE (“Der winkende Zweig”) mit 400 Autoren. Im Jahre 2002 hat Despotovic mit Hilfe des Zentrums für Ostasien auch eine sechsbändige Anthologie serbischer und japanischer Autoren herausgegeben. Die neueste Anthologie serbischer Haiku wurde von Dejan Bogojevic herausgegeben (“Über der Leere", Beograd, 2002).
      Wie man sieht, gibt es in Serbien und Montenegro sehr viele Haiku-Aktivitäten. Aber eines ist noch gelungen: es gibt keine vereinende Haiku-Gesellschaft. Der erste (misslungene) Versuch zur Gründung einer jugoslawischen Haiku-Gesellschaft war in Nis im Jahre 1993. Im Jahre 1999 wurde in Beograd die HUJ (Haiku Gesellschaft Jugoslawiens) gegründet, aus der später die HUSCG (Haiku Gesellschaft Serbiens und Montenegros) hervorging. Die Gründung einer neuen Haiku-Gesellschaft (Serbische Haiku-Gesellschaft) in Valjevo 2004 ist gescheitert.
      Auch die Tradition der Haiku-Wettbewerbe besteht in Serbien. Seit 1989 findet in Odzaci (Nordserbien) jedes Jahr ein Wettbewerb und ein Haiku-Festival statt, auf dem die besten Haiku mit Preisen ausgezeichnet und in einer Anthologie veröffentlicht werden. Anthologien entstanden auch nach den Wettbewerben in:
Nis (1993, 1994, “Die weiße Chrysantheme”),
Paracin (“Knjizevna kelija Sveti Sava”, 1994-98),
Novi Sad (Wettbewerb für Haiku auf Serbisch, Haiku auf Englisch und Haibun, 1998 – 2002)
und seit 2000 Internationaler Haiku-Wettbewerb in Valjevo
     Serbische Haiku Dichter nehmen an verschiedenen internationalen Wettbewerben teil und bekamen in den letzten Jahren 30 bis 40 Preise jährlich (Japan, USA, Australien, Neuseeland, Slowenien, Kroatien…)
     Es werden viele Autoren-Bücher und Anthologien veröffentlicht - viele davon sind zweisprachig ( Serbisch und Englisch). Es gibt immer mehr direkte Übersetzungen aus dem Japanischen, dank der Autoren Hiroshi und Kayoko Yamasaki Vukelic.  Unabhänging von Alter, Geschlecht oder Beruf schreiben hunderte Menschen in Serbien und Montenegro Haiku-Gedichte (auch Kinderhaiku werden in den Zeitschriften veröffentlicht). Das Haiku ist zwar ziemlich populär, wird aber noch nicht genügend gewürdigt. Literaturtheoretiker lenken ihre Aufmerksamkeit selten auf die Haiku-Dichtung. Andere Bücher oder Literaturzeitschriften veröffentlichen eher selten Haiku - sicherlich ein bekanntes Problem in allen europäischen Ländern! Andererseits gibt es aber immer mehr bekannte serbische Dichter, die auch Haiku schreiben. Eine Tageszeitung (“Borba”) begann neuerdings täglich auf der zweiten Seite eine Rubrik “Haiku für heute” zu haben, die Haiku Zeitschrift “Haiku novine” wird vom Kulturministerium finanziert… Es gibt also kleine Fortschritte in dieser Richtung!