Startseite
home
 
Volker Friebel & Gerd Börner
Der 1. Europäische Haikukongress, Teil 1
 
Bad Nauheim ist ein kleines Städtchen, mit dem Bummelzug keine halbe Stunde nördlich von Frankfurt, Steinfurth heißt ein Stadtteil davon. Hier fand am Pfingstwochenende 14./15. Mai 2005 im Rosensaal der 1. Europäische Haikukongress statt. Gekommen waren etwa 60 Dichter aus mehr als einem Dutzend europäischer Länder sowie aus Japan. Die Eröffnungsrede hielt David Cobb aus England. Dann folgten Vorstellungen der Haikugesellschaften von 12 Ländern, mit Darstellungen zur Situation des Haiku im jeweiligen Land in Englisch und Deutsch, meist begleitet von Textbeispielen. Auch Pausen für Gespräche untereinander gab es, Führungen durch die Kuranlagen der Stadt und das Rosenmuseum des Tagungsortes. Begleitveranstaltungen sorgten für Sinnesvielfalt, so eine Ikebana-Vorstellung der „Frankfurter Schule" von Erika Schwalm, ein Vortrag von Kai Falkmann über „Bilder in Haiku und Manga“, ein Konzert für Haiku und die Glastrompete von Peter Knodt sowie Ingo Cesaro mit seiner mobilen Druckerpresse und der Aktion „Gedichte zu verschenken".
David Cobb machte in der Eröffnungsrede auf die Unterscheidung von Prozess und Produkt bei der Haiku-Dichtung aufmerksam: Für manche Autoren ist der Prozess, die Gemeinschaft mit anderen Haikuschreibern, alles was zählt. Wichtig sei aber, die richtige Balance zwischen der Freude am Dichten und der Qualität des literarischen Ergebnisses zu finden. Als gutes Beispiel nennt Cobb hier Basho, der durch die Lande zog, um mit anderen zusammen Renku zu dichten – dann aber wieder seine „Tore schloss“, um am Haiku zu arbeiten.
     
Zum Produkt, dem Haiku selbst, greift Cobb auf eine Analyse des Waliser Haiku-Dichters Ken Jones zurück. Dieser unterscheidet vier Kategorien:
 
1. Das existenziell befreiende Haiku, das uns einen Moment mit einer neuen Einsicht in die Bedeutung unserer Existenz zeigt, ein Moment, der uns unser Dasein lebendig erfühlen lässt. Das Haiku, das uns alle Dinge so akzeptieren lässt, wie sie sind.
2. Das einfache Bild, das uns die Dinge zwar auch zeigt, wie sie sind, aber nicht durch die Oberfläche der Phänomene zu einer tieferen Wahrheit vordringt. Das ist shasei, das aber auch Shiki, der als sein großer Wegbereiter gilt, nur den Neulingen im Haiku als vorläufiges Ziel empfahl.
3. Das geschickt konstruierte Haiku, mit geschlossener Metapher, bei dem der Leser Geist und Witz bewundern kann, das aber ohne wirkliche Tiefe ist.
4. Symbolische Haiku, die über ein Bild etwa eine Beziehung darstellen, aber gleichfalls geschlossen bleiben und nirgendwohin durchbrechen.
 
Wenn das Haiku als Literatur akzeptiert werden möchte, dann gilt es, nach Cobb, das Haiku mit Tiefe, das existenziell befreiende Haiku, mehr zu betonen. Das aber finde sich in den Veröffentlichungen eher selten. Ihm stehe auch das entgegen, was Cobb als den Prozess der Haiku-Dichtung charakterisiert.
      Denn im  Austausch mit anderen Haikuautoren, auch in der Beurteilung durch die Gruppe, liege die große Gefahr, sich mit einem Durchschnittsniveau abzufinden, bereits akzeptierte Muster des Haikustrickens anzuwenden, sich über das Lob der anderen zu freuen und sich damit zufrieden zu geben. Das habe eine nivellierende Wirkung. Beurteilungsprozesse seien zu schnell, gerade inspirierte und inspirierende Haiku kämen dabei oft zu kurz, da diese Zeit zur Wirkung brauchen. So bleibt die Qualität auf der Strecke bzw. gute Texte werden übersehen. Zwar nennt David Cobb mit dem Muschelschalenspiel von Martin Lucas und dem Internetportal Haiku heute zwei europäische Ansätze zu einer respektablen Textauslese, seine Kritik sollte aber immer vergegenwärtigt werden, denn sie trifft grundsätzlich überall zu.
      Ein zweiter Punkt, der David Cobb sehr am Herzen liegt, ist, das Haiku in den einzelnen Ländern und Sprachen seiner Autoren zu etablieren, selbst wenn das bedeutet, vorübergehend die internationale Dimension des Haiku auszublenden. Jedes Land und jede Sprache sollte das Haiku in die eigene Kultur und Sprache aufnehmen und heimisch machen, warum nicht anders als die anderen.
Die Berichte aus den teilnehmenden Ländern beeindruckten sehr (hierzu im einzelnen später eine Fortsetzung des Berichts). Wo stehen wir heute mit dem deutschsprachigen Haiku? Wir stehen mitten in Europa, unsere Fragen um das Haiku, seine Gestaltung, seine Funktion, unser Bemühen um seine Verbreitung in unserer Kultur, werden überall in ähnlicher Weise gestellt. Wir können wohl voneinander lernen, aber unsere Antworten müssen schon die eigenen Antworten sein, um nicht nur das nachzureden, was anderswo unter anderen Verhältnissen Gültigkeit beanspruchen kann, bei uns aber falsch würde. Sie müssen getragen werden von unserer eigenen Kultur, um die Einbettung des Haiku in unserer Kultur zu verstärken.
      Die Silbenzahl, im deutschsprachigen Raum noch bis vor wenigen Jahren hart umkämpft, scheint nirgendwo ein Problem darzustellen, meist wird kürzer als 17 Silben geschrieben. In manchen Ländern scheint es eine größere Nähe des Haiku zur „normalen" Lyrik zu geben, ganz besonders ist das in Frankreich so. Ob das zu einer Bereicherung oder zu einer Infragestellung des Haiku als eigenständige Literaturform führt, wird sich zeigen müssen. Warum beim Haiku, anders als bei anderen Lyrikarten, Autorenvereinigungen eine so große Rolle spielen, ist unklar, die Wichtigkeit der einzelnen Gesellschaften für die Ausbreitung des Haiku wurde aber offenkundig. Einzelne Berichte deuten darauf hin, dass in vielen europäischen Ländern das Haiku von den Medien, der Öffentlichkeit, von Vertretern anderer Literaturformen stärker beachtet wird als im deutschsprachigen Raum.
Wir sehen den Kongress als eine Bestätigung des breiteren Weges, den das Haiku im deutschsprachigen Raum die letzten Jahre zu gehen versucht. Das Ringen um den Text, gemessen nicht an einer in fremder Kultur gefertigten äußeren Form, sondern in Befragung der inneren Wahrheit eines Textes, seiner Tiefe, seiner Kraft und seiner Relevanz für andere Menschen, ist einfach unverzichtbar – für jeden einzelnen Autoren in seiner Schreibstube und für die Zusammenarbeit der Autoren in Arbeitskreisen, Regionalgruppen oder im Netz.
      Wir müssen weniger empfindlich werden, wenn unsere Texte bei anderen Menschen nicht den gleichen Nachhall finden wie bei uns selbst, wir müssen an ihnen arbeiten. Es ist wohl besser, eher noch kritischer bei der Aufnahme von Texten in Auswahlen zu werden, vielleicht müssen wir neue Formen der Kritik und Auslese finden. Das Potenzial des Haiku für die Bereicherung jeder europäischen Kultur ist offensichtlich, seine Bildhaftigkeit und sein Gegenwartsbezug sind einzig in der europäischen Literatur. Vielleicht kommt langsam die Zeit, sich nicht nur mit den inneren Problemen des Haiku und seiner Dichter-Gemeinschaft zu beschäftigen, sondern ausdrücklich die Stellung des Haiku in der Literatur zu thematisieren, damit nach außen zu gehen, sich offensiver der Auseinandersetzung mit anderen Literaturformen zu stellen.
      Dichtung findet in der Stille statt, der kreative Prozess verläuft im Verborgenen, in der Abschließung – so war es sehr interessant zu erleben, dass die Zusammenkunft, das Gespräch mit anderen Autoren, das gemeinsame Handeln in der Verbreitung der Dichtung gleichfalls bereichern kann. Selbstverständlich ist das nicht – uns schien aber, dass der Haiku-Kongress mit seinen produktiven Begegnungen für alle Teilnehmer einen enormen Motivationsschub leistete.