Roswitha Erler: ...ich träume in Gelb. Haiku und Senryū. minimart-verlag, Frankfurt 2003 (ISBN 3-933213-21-5).
 
Das Büchlein im Westentaschen-Format mit Fadenbindung ist die erste Veröffentlichung der Gedichte nach japanischem Vorbild von Roswitha Erler. Heinrich Wiedemann hatte sie in die Kunst der Kurzlyrik eingeführt und ihre ersten Schritte begleitet. Ihre stark naturverbundenen Kurzgedichte sind nach Jahreszeiten geordnet, die sich im Allgäu, die Autorin lebt z. Zt. in Lindenberg, klarer Gebundenheit präsentieren.
 
Im Tiefschnee quer
ein rotes Brett –
Rückenlehne einer Sommerbank
 
 
Eisiges Schweigen
an froststarren Ufern.
Nur ein Dohlenschrei lebt
 
 
Allgäuweit
Löwenzahnwiesen...
ich träume in Gelb
 
 
Was für ein Sommer!
Aus Pferdeäpfeln sprießen
Haferhalme
Die Senryū sind nach den entsprechenden Erlebnissen mit in die jahreszeitliche Folge eingeflochten.
 
Grilldüfte
aus Nachbars Garten – schade
um den Streit von gestern
 
 
Eine alte Frau
schlurft den Friedhofsweg entlang –
zum Zwiegespräch
Zu Beginn ihrer schreibenden Tätigkeit hat Roswitha Erler sich streng an die Fünf-Sieben-Fünf-Silben-Form des Haiku und Senryu gehalten. Inzwischen wagt sie den Schritt, die Form dem Inhalt unterzuordnen, was in einigen Fällen zu weitaus glücklicheren Formulierungen führt. Das zeigt z. B. das Haiku der „Löwenzahnwiesen“ – oder:
 
Pfingstrosen am Weg –
auf rotem Teppich
zum Geliebten
 
 
Frühlingsregen rauscht.
Im Krankenzimmer
die weiße Wolke...
Die Gedichte überzeugen und laden zum häufigeren Lesen ein. Ich hoffe, wir werde auch in Zukunft noch mit weiteren Ausgaben von Roswitha Erlers Dreizeilern überrascht.
 
Margret Buerschaper